Professor Noam Chomsky, einer der prominentesten Kritiker der US-Außenpolitik, äußert sich in einem Interview im Magazin TORTURE zur Politik Bushs und Obamas und beklagt die moralische Verkommenheit vieler US-Intellektueller.
Sowohl
die Demokraten als auch die Republikaner lassen foltern und morden und
greifen damit die in 800 Jahren erkämpften Bürgerrechte an -
Von NOAM CHOMSKY und ERIC BAILEY, 2. Januar 2013 -
Eric Bailey: In
den letzten vier Jahren hat sich Politik der USA - was die
Menschenrechte angeht - einschneidend verändert. Einer der wenigen
Fälle, in denen die Demokratische und die Republikanische Partei im
Laufe der letzten vier Jahre zusammengearbeitet haben, war die
Verabschiedung des National Defense Authorization Act / NDAA (des
Gesetzes zur nationalen Verteidigung (1) im Jahr 2012. Mit diesem Gesetz
wurde dem US-Militär die Macht gegeben, US-Bürger ohne Anklage,
Gerichtsverhandlung oder ein anderes gesetzliches Verfahren unbegrenzt
einzusperren; bis heute versucht die Obama-Regierung mit allen
juristischen Tricks zu verhindern, dass ein Bundesgericht dieses Gesetz
für verfassungswidrig erklärt. Auf Obamas Anordnung wurden ohne
gerichtliche Überprüfung bereits drei zu Al-Qaida gehörende US-Bürger
ermordet, darunter auch Anwar al-Awlaki (2) und sein 16-jähriger Sohn.
Außerdem wird das Gefangenenlager in der Guantánamo Bay weiter benutzt,
der Patriot Act (3) blieb in Kraft und die Befugnisse der Transportation
Security Administration / TSA (4) wurden mit halsbrecherischer
Geschwindigkeit ausgeweitet.
Wie sehen Sie die Einstellung der
US-Regierung zu den Menschenrechten in den letzten vier Jahren, und wie
ist die Politik Obamas im Vergleich zu der seines Vorgängers George W.
Bush zu bewerten?
Noam Chomsky: Obamas Politik
ist der Bushs sehr ähnlich, es gibt nur geringe Unterschiede; das ist
auch keine große Überraschung. Die Demokraten haben ja Bushs Politik
unterstützt. Um sich als Partei (von den Republikanern) abzuheben, haben
sie zwar manchmal opponiert, waren aber grundsätzlich mit Bushs Politik
einverstanden, und es kann niemand überraschen, dass sie das auch heute
noch sind. In mancher Hinsicht ist Obama sogar weiter als Bush
gegangen. Der NDAA, den Sie erwähnt haben, wurde nicht von Obama in den
Kongress eingebracht, und als dieses Gesetz verabschiedet wurde, sagte
Obama, er billige es nicht und werde es nicht in Kraft setzen. Dann hat
er aber auf ein Veto verzichtet und den NDAA trotzdem unterzeichnet. Das
Gesetz wurde auch von (demokratischen) Falken wie Joe Lieberman (5) mit
durchgeboxt.
Tatsächlich hat kaum ein "Change" (Wandel)
stattgefunden. Das Schlimmste am NDAA ist, dass er eine (illegale)
Praxis, die schon bestand, nachträglich legalisierte. Die (bereits
vorher angewandten rechtswidrigen) Methoden haben sich dadurch nicht
geändert. Die Bestimmung, die in der Öffentlichkeit am meisten
Aufmerksamkeit erregte, haben Sie schon erwähnt: die unbegrenzte
Inhaftierung von US-Bürgern. Aber warum soll es überhaupt erlaubt sein,
Bürger anderer Nationalitäten unbegrenzt wegzusperren? Das ist ein
grober Verstoß gegen fundamentale Menschenrechte und gegen geltende
Gesetze, ein Rückfall hinter die aus dem 13. Jahrhundert stammende Magna
Charta (6); dieser schwere Angriff auf die elementaren Bürgerrechte hat
zwar unter Bush begonnen, wurde aber unter Obama fortgesetzt. Er wurde
und wird von beiden Parteien unterstützt.
Zu den Tötungen (ohne
Gerichtsverfahren) ist zu sagen, dass Obama diese weltweit betriebene
Mordkampagne stark ausgeweitet hat. Bush hat zwar damit angefangen, aber
Obama hat sie verstärkt und lässt auch US-Bürger ermorden. Auch das
geschah wieder mit dem Einverständnis beider Parteien, nur bei der
Ermordung des ersten US-Amerikaners gab es leise Kritik. Ich frage aber
noch einmal: Wer gibt uns das Recht, überhaupt irgend jemanden zu
ermorden? Stellen Sie sich zum Beispiel einmal vor, der Iran ließe
Mitglieder des Kongresses ermorden, die einen Angriff auf den Iran
fordern. Würden wir das gutheißen? Der Iran hätte zwar gut zu
rechtfertigende Gründe, wir würden sein Verhalten aber natürlich als
eine Kriegshandlung ansehen.
Die wirkliche Frage ist doch: Darf
in staatlichem Auftrag überhaupt gemordet werden? Die Regierung hat
ausdrücklich bestätigt, dass Obama diese Morde persönlich anordnet,
wobei die Begründung dafür sehr schwach ist. Wenn zum Beispiel über eine
Drohne eine Gruppe von Männern beim Beladen eines Lastwagens beobachtet
wird und der Verdacht besteht, dass sie feindliche Kämpfer sein
könnten, glaubt man sie umbringen zu dürfen, weil sie als schuldig
betrachtet werden; hinterher könnte sich aber herausstellen, dass sie
völlig harmlos waren. Schon die Begründung der US-Regierung für diese
Morde ist eine derart grobe Verletzung grundlegender Menschenrechte,
dass sie völlig indiskutabel ist.
Die Erfordernis eines
ordentlichen Gerichtsverfahrens besteht, seit die USA eine Verfassung
haben, die besagt, dass niemand ohne Gerichtsverfahren seiner Rechte
(zum Beispiel seines Rechtes auf Leben) beraubt werden darf; dieser
Rechtsgrundsatz wurde - wie schon gesagt - bereits im 13. Jahrhundert in
England formuliert. Deshalb erhebt sich die Frage: Darf überhaupt auf
ein ordentliches Gerichtsverfahren verzichtet werden? Obamas
De-facto-Justizminister Eric Holder (7) erklärte dazu, das ordentliche
Gerichtsverfahren werde in diesen Fällen durch vorher von der Exekutive
durchgeführte Beratungen ersetzt. Das ist noch nicht einmal ein
schlechter Witz! Die britischen Könige des 13. Jahrhunderts hätten
Holder applaudiert: "Wir müssen den Mord nur vorher bereden, dann gilt
das schon als ordentliches Gerichtsverfahren." Auch diese Interpretation
haben beide Parteien ohne Kontroverse akzeptiert.
Die gleiche
Frage können wir auch zur (angeblichen) Ermordung Osama bin Ladens
stellen (8). Ich sage bewusst "Ermordung". Wenn schwer bewaffnete
Elitesoldaten einen unbewaffneten, sich nicht wehrenden Verdächtigen im
Kreis seiner Frauen festnehmen sollen, ihn aber stattdessen erschießen
und seinen Leichnam ohne vorherige Obduktion im Meer entsorgen, kann das
nur Mord genannt werden. Ich habe bin Laden auch bewusst als
"Verdächtigen" bezeichnet. Der Grund dafür ist ein anderer
Rechtsgrundsatz, der auch auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und besagt,
dass ein Mensch so lange als unschuldig zu gelten hat, bis seine Schuld
(gerichtlich) erwiesen ist. Davor steht er nur unter Verdacht. In den
USA wurde Osama bin Laden im Zusammenhang mit den Anschlägen am 11.09.
(2001) nie formell angeklagt, und ein wichtiger Grund für diese
Unterlassung war, dass ihm die Verantwortung dafür nicht nachgewiesen
werden konnte. (Auf dem Steckbrief, mit dem das FBI bin Laden gesucht
hat, werden ihm diese Anschläge noch nicht einmal vorgeworfen. (9) Acht
Monate nach dem 11.09. und nach seiner bis zu diesem Zeitpunkt
intensivsten Untersuchung erklärte das FBI, es "vermute", dass die
Anschläge in Afghanistan geplant und in den Vereinigten Arabischen
Emiraten, in Deutschland und natürlich in den USA vorbereitet worden
seien - ohne bin Laden überhaupt zu erwähnen. Das war acht Monate nach
den Anschlägen, und bis heute konnte das FBI den Verdacht gegen bin
Laden nicht erhärten.
Ich selbst glaube, dass der Verdacht (gegen
bin Laden) zu Recht bestand, es gibt aber einen gewaltigen Unterschied
zwischen einer berechtigten Annahme und einer nachgewiesenen Schuld.
Auch wenn bin Laden schuldig war, hätte er gefangen genommen und vor
Gericht gestellt werden müssen. Das schreibt das anglo-amerikanische
Recht vor, das sich in acht Jahrhunderten entwickelt hat. Er hätte nicht
ermordet werden dürfen, und sein Leichnam hätte auch nicht ohne
Autopsie beseitigt werden dürfen, obwohl das allgemein für gut befunden
wurde. Ich habe zu den wenigen gehört, die einen kritischen Artikel über
dieses (rechtswidrige) Vorgehen geschrieben haben und wurde dafür auch
von linken Kommentatoren hart angegriffen; weil bin Laden im Verdacht
stand, Verbrechen gegen die USA begangen zu haben, sei er unbestreitbar
zu Recht ermordet worden. Diese auch unter Intellektuellen weit
verbreitete Einstellung sagt viel über die erschreckende "moralische
Verkommenheit" des ganzen intellektuellen Spektrums der USA aus. Dass
Obama diese (illegale) Praxis auch noch ausgeweitet hat, sollte deshalb
niemand überraschen. Die (innere) Fäulnis ist aber noch viel weiter
fortschritten. (10)
Bailey: Es sind gerade etwas
mehr als zehn Jahre vergangen, seit die Bush-Administration ihre
"Folter-Memos" (11) veröffentlicht hat. Damit wurde versucht, die
Folterung von Häftlingen der CIA zu rechtfertigen, die im Rahmen des
"Krieges gegen den Terror" (meist in anderen Staaten) gekidnappt (und
völkerrechtswidrig in Geheimgefängnisse verschleppt) wurden (12). Der
erschreckende Inhalt dieser Memos hat eine neue internationale Debatte
über die Folter ausgelöst. Obwohl Präsident Obama versprochen hatte,
alle illegalen Geheimgefängnisse zu schließen, scheint es auch heute
noch solche "Black Sites" zu geben (13). Wie stehen Sie zu diesen
CIA-Foltergefängnissen? Hat Obama, der 2008 auch versprochen hat, die
CIA zu reformieren, sein Versprechen gehalten?
Chomsky: Es
hat einige Präsidentenerlasse gegeben, in denen die schlimmsten
Folterexzesse verurteilt wurden, (das berüchtigte US-Militärgefängnis)
Bagram (in Afghanistan, (14) gibt es aber immer noch, und es wird auch
heute noch nicht regelmäßig überprüft. Es ist wahrscheinlich das
schlimmste Lager in Afghanistan. Auch Guantánamo wird weiterbetrieben,
es ist aber eher unwahrscheinlich, dass dort noch schwer gefoltert wird,
weil inzwischen zu viele Inspektionen stattfinden. Über die dort
tätigen Militäranwälte dringen regelmäßig Informationen nach draußen,
deshalb betrachte ich Guantánamo nicht mehr als Folterlager, aber immer
noch als Gefangenenlager für illegal Verschleppte; außer Bagram könnte
es noch weitere Lager geben, und auch die Verschleppungen scheinen in
einem etwas geringeren Umfang als bisher weiterzugehen.
Die CIA
verschleppt also Gefangene zum Foltern in andere Länder. Auch das ist
seit der Vereinbarung der Magna Charta - die zum Fundament des
anglo-amerikanischen Rechts wurde - untersagt. Schon in diesem Dokument
wurde ausdrücklich festgehalten, dass niemand übers Meer ins Ausland
gebracht und dort bestraft und gefoltert werden darf.
Verschleppungen
führen aber nicht nur die USA durch. Sie kommen auch in Westeuropa, zum
Beispiel in Großbritannien und Schweden vor. Deshalb sind die Sorgen
derer, die befürchten, dass Julian Assange eine Auslieferung an Schweden
droht, durchaus berechtigt. Auch Kanada und Irland waren in die
Verschleppungen verwickelt; Irland gehört aber zu den wenigen Ländern,
in denen es große Massenproteste gegen die über den Shannon Airport
durchgeführten CIA-Verschleppungsflüge gab. Aus den meisten anderen
betroffenen Staaten kam nur wenig oder überhaupt kein Protest. In
letzter Zeit sind keine neuen Entführungsfälle mehr bekannt geworden, es
würde mich aber nicht wundern, wenn es sie immer noch gäbe.
Bailey:
Außer in den USA kommt es auch im Mittleren Osten immer wieder zu
Menschenrechtsverletzungen, und durch die Aufstände des Arabischen
Frühlings hat sich deren Anzahl in vielen Staaten noch erhöht. Während
die Diktatoren in Tunesien und Ägypten ohne Bürgerkriege gestürzt
wurden, ist es in Libyen, Syrien und im Jemen zu schweren Kämpfen
gekommen. Die USA und die NATO haben (nach der Intervention in
Jugoslawien) in Libyen ein weiteres Mal in einen Bürgerkrieg
eingegriffen, und nur der Widerstand Russlands und Chinas hat bisher ein
ähnlich massives Eingreifen in Syrien verhindert. In beiden Fällen
haben die Rebellen die USA und Europa um militärische Hilfe gebeten, ja
sogar darum gebettelt; an Verhandlungen mit ihren diktatorischen Gegnern
waren sie absolut nicht interessiert, auch wenn die Hilfe von außen auf
sich warten ließ. Was halten Sie von militärischen Eingriffen, wie sie
in Libyen stattfanden und für Syrien immer wieder gefordert werden? Ist
es moralisch gerechtfertigt, Texaner und Soldaten aus Louisiana wegen
der Konflikte in Libyen und Syrien in den Kampf zu schicken? Oder anders
gefragt, ist der Verzicht auf eine Militärintervention zu verantworten,
wenn ganze Städte wie Misrata, Bengasi, Aleppo oder Homs völlig
zerstört und mehrere zehntausend Zivilisten deswegen getötet werden
könnten?
Chomsky: Fangen wir mit Syrien an.
Einer Ihrer Thesen kann ich nicht zustimmen, denn ich bezweifle stark,
dass die ablehnende Haltung Russlands und Chinas ein Eingreifen der USA
oder des gesamten Westen in Syrien bisher verhindert hat. Ich habe sogar
den Verdacht, dass die USA, Großbritannien und Frankreich das russische
Veto begrüßt haben, weil es ihnen den Vorwand zum Nichtstun geliefert
hat. Sie konnten einfach erklären: "Wie sollen wir eingreifen? Die
Russen und Chinesen haben es ja verhindert!" Wenn die USA und die NATO
tatsächlich hätten intervenieren wollen, hätten sie sich einfach über
das Veto der Russen und Chinesen hinweggesetzt. Das haben sie doch schon
öfter getan; sie wollten einfach bisher nicht militärisch eingreifen
und wollen das wohl auch jetzt noch nicht. Die strategischen
Befehlszentralen ihrer Streitkräfte und Geheimdienste sind noch immer
strikt dagegen. Einige sind das aus militärtechnischen Gründen, andere
lehnen eine Intervention ab, weil sie nicht genau wissen, welche
oppositionellen Kräfte zur Durchsetzung eigener Interessen unterstützt
werden sollen. Sie mögen Assad nicht besonders, obwohl er den USA und
Israel ganz nützlich war, wegen der an der Rebellion beteiligten
islamistischen Gruppierungen mögen sie aber auch die Opposition nicht
besonders und ziehen es deshalb vor, noch am Spielfeldrand zu bleiben.
Interessant
ist, dass Israel nichts tut. Dabei müsste es noch nicht einmal viel
sein. Israel könnte Truppen auf die widerrechtlich annektierten,
eigentlich syrischen Golan-Höhen schicken, die nur etwa 40 Meilen (64
km) von Damaskus entfernt sind; Assad wäre dann gezwungen, eigene
Truppen an diese Grenze zu verlegen, die er aus den von Rebellen
bedrohten Gebieten abziehen müsste. Israel könnte also die Rebellen
unterstützen, ohne selbst einen einzigen Schuss abfeuern und ohne die
Grenze überschreiten zu müssen. Davon war aber bisher noch nicht einmal
die Rede, und ich denke, das zeigt, dass Israel, die USA und ihre
Verbündeten zur Wahrung ihrer eigenen Interessen das Assad-Regime jetzt
noch nicht beseitigen wollen. Dabei spielen humanitäre Gesichtspunkte
überhaupt keine Rolle.
Was Libyen angeht, müssen wir etwas
differenzieren, weil es in Libyen eigentlich zwei Interventionen gegeben
hat. Die erste fand mit Billigung des UN-Sicherheitsrates statt und war
durch die UN-Resolution 1973 legitimiert. Diese sah nur die Errichtung
einer Flugverbotszone, die Durchsetzung einer Waffenruhe und den Beginn
von Verhandlungen und sonstige diplomatische Initiativen vor. (15)
Bailey: Das war die Intervention, die damit gerechtfertigt wurde, dass die Zerstörung Bengasis verhindert werden müsse.
Chomsky: Nun,
wir wissen nicht, ob Bengasi (durch Luftangriffe der libyschen
Luftwaffe) zerstört worden wäre, eigentlich sollte ja auch nur ein
möglicher Angriff auf Bengasi verhindert werden. Man könnte zwar darüber
streiten, wie wahrscheinlich ein solcher Angriff war, ich persönlich
finde allerdings, es war legitim, dass versucht wurde, mögliche
Gräueltaten zu verhindern. Die (vom UN-Sicherheitsrat autorisierte)
Intervention dauerte aber nur etwa fünf Minuten. Gleich nach deren
Beginn setzten sich die NATO-Mächte über die UN-Resolution hinweg -
zuerst Frankreich und Großbritannien und dann auch die USA; ihre
Flugzeuge wurden zur Luftwaffe der Rebellen. Das war in der
UN-Resolution nicht vorgesehen. Die ließ nur "alle zum Schutz der
Zivilbevölkerung notwendigen Schritte" zu; es ist aber ein großer
Unterschied zwischen dem Auftrag, die Zivilbevölkerung zu schützen, und
der Absicht der NATO, den Rebellen eine eigene Luftwaffe zu verschaffen.
Möglicherweise war es wünschenswert, den Aufständischen beizustehen.
Weil die UN-Resolution dazu aber nicht ermächtigte, verstieß die den
Rebellen gewährte militärische Unterstützung eindeutig gegen den (vom
UN-Sicherheitsrat) erteilten Auftrag. Dabei gab es auch andere Optionen.
Gaddafi hat (zum Beispiel) eine Waffenruhe angeboten. Ob sein Angebot
wirklich ernst gemeint war, kann niemand wissen, weil es sofort
zurückgewiesen wurde.
Das Verhalten der NATO-Mächte wurde von den
meisten andern Staaten der Welt missbilligt. Es gab kaum Unterstützung
dafür. Die Afrikanische Union (16), der Libyen als afrikanisches Land
angehört, lehnte die (eigenmächtige) Erweiterung der Intervention strikt
ab, forderte eine sofortige Waffenruhe und bot sogar die Entsendung
einer eigenen Friedenstruppe an, die den Konflikt (zwischen Gaddafi und
den Rebellen) schlichten sollte.
Die BRICS-Staaten Brasilien,
Russland, Indien, China und Südafrika, die zufällig zur gleichen Zeit
eine Konferenz abhielten, verurteilten die NATO-Intervention und
forderten diplomatische Initiativen, Verhandlungen und eine Waffenruhe.
Das benachbarte Ägypten hielt sich zurück. Das NATO-Mitglied Deutschland
lehnte es ab, sich an der Intervention zu beteiligen. Auch Italien
verweigerte sich zunächst, schloss sich aber später den
Interventionisten an. Auch die Türkei war erst gegen ein militärisches
Eingreifen, machte aber später ebenfalls mit. Die meisten Staaten
verurteilten die Intervention, die hauptsächlich von den traditionell
imperialistischen Mächten Frankreich, Großbritannien und den USA
forciert wurde.
Die NATO-Intervention verursachte eine humanitäre
Katastrophe. Vielleicht wäre es ohnehin dazu gekommen, aber sie
entwickelte sich vor allem aus den Angriffen auf Bani Walid und Sirte,
die letzten Städte, die zu Gaddafi hielten. Beide Städte sind wichtige
Zentren des Warfalla-Stammes, des größten libyschen Stammes. Libyen
besteht aus vielen Stammesgesellschaften, und der Warfalla-Stamm gehört
zu den bedeutendsten. Die Zerstörung ihrer Zentren hat die Angehörigen
dieses Stammes sehr erbittert. Hätte die Verwüstung der beiden Städte
nicht durch die von der Afrikanischen Union und den BRICS-Staaten
vorgeschlagenen diplomatische Bemühungen und Verhandlungen verhindert
werden können? Wir wissen es nicht.
Es ist auch erwähnenswert,
dass sich die International Crisis Group (17), eine sehr angesehene
nichtstaatliche Organisation, die Lösungsvorschläge für internationale
Konflikte und Krisen erarbeitet, gegen eine Intervention ausgesprochen
hat. Auch sie setzte sich vehement für Verhandlungen und diplomatische
Initiativen ein. Über die Einwände der Afrikanischen Union und anderer
Organisationen wurde im Westen allerdings kaum berichtet. Wen
interessiert das schon, was die sagen? Wenn ihre Vorschläge überhaupt in
den Medien Erwähnung fanden, wurden sie mit der Begründung
niedergemacht, diese Länder hätten eben enge Beziehungen zu Gaddafi
unterhalten. Das hatten sie wirklich, aber das Gleiche galt doch bis
kurz vor der Intervention auch für Großbritannien und die USA. Die
Intervention hat nun mal stattgefunden, und jetzt hoffen alle, dass am
Ende noch alles gut wird, auch wenn es nicht so aussieht. In einer der
letzten Ausgaben der London Review of Books ist ein Bericht von Hugh
Roberts erschienen, der damals in der International Crisis Group für
Nordafrika zuständig und darauf spezialisiert war. Er verurteilt die
Intervention und beschreibt ihr Ergebnis als totales Chaos, das wenig
Hoffnung auf die Errichtung eines in Ansätzen demokratischen,
einheitlichen Staates lässt. (18)
Das hört sich nicht besonders
gut an, und wie steht es mit den anderen Staaten? Am wichtigsten für die
USA und den gesamten Westen sind die ölreichen Diktaturen, und die sind
nach wie vor sehr stabil. Auch dort gab es Versuche, sich an den
Arabischen Frühling anzuhängen, die wurden aber schnell und
rücksichtslos unterdrückt - ohne einen einzigen Einwand des Westens.
Obwohl es dabei in den Schiiten-Gebieten im Osten Saudi-Arabiens und in
Bahrain zu heftiger Gewaltanwendung kam, erhielten die Diktatoren von
westlichen Mächten allenfalls einen Klaps auf die Finger. Der Westen
will, dass die Öldiktaturen erhalten bleiben, weil ein Großteil seiner
Macht auf deren Öl aufgebaut ist.
In Tunesien, das immer noch
stark unter französischem Einfluss steht, wurde die Diktatur bis zu
ihrem Ende von Frankreich gestützt - auch dann noch, als es schon
überall Demonstrationen gab. Erst in letzter Sekunde musste der
Lieblingsdiktator (Frankreichs) dann doch gehen. In Ägypten, das stärker
unter dem Einfluss der USA und Großbritanniens steht, war das genau so.
Obama unterstützte den Diktator Mubarak bis zur letzten Minute - bis
ihn die ägyptische Armee fallen ließ. Erst als Mubarak nicht mehr zu
halten war, wurde er zum Rücktritt genötigt, um die Installierung eines
ähnlichen Regimes (unter Mursi) möglich zu machen. Das geschah ganz
routinemäßig. Es ist das Standardverfahren, das immer zur Anwendung
kommt, wenn ein Lieblingsdiktator (des Westens) in Schwierigkeiten
gerät. So läuft das immer ab. Der amtierende Diktator wird immer bis zum
Schluss unterstützt, unabhängig davon, wie grausam und blutdurstig er
ist. Erst wenn sich die Armee oder die reiche Oberschicht von ihm
abwenden, darf er sich - manchmal unter Mitnahme der halben Staatskasse -
in ein anderes Land absetzen; seine westlichen Unterstützer entdecken
plötzlich ihre Liebe zur "Demokratie", versuchen aber das alte System
wieder herzustellen. Ziemlich genau das spielt sich gerade in Ägypten
ab.
Das Magazin
TORTURE, Asian and Global Perspectives (19)
erscheint als Print- und Online-Ausgabe, und wird von der Asian Human
Rights Commission in Hongkong (20) und dem Danish Institute Against
Torture / DIGNITY in Dänemark (21) herausgegeben. Die beiden Herausgeber
haben eine neue Initiative gestartet, die sich auf die Folter und damit
verwandte Probleme konzentriert. Autoren, die Artikel zu diesem Thema
veröffentlichen wollen, können über
torturemag@ahrc.asia mit dem Magazin Verbindung aufnehmen.
Quelle:
Luftpost. Originalartikel: US Intellectual Class Is Morally Degenerate .
Übersetzung, Ergänzungen und Links in Klammern: Wolfgang Jung.
Fußnoten
1. s. dazu auch
http://de.wikipedia.org/wiki/National_Defense_Authorization_Act und
http://www.gpo.gov/fdsys/pkg/BILLS-112hr1540enr/pdf/BILLS-112hr1540enr.pdf
.
2. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Anwar_al-Awlaki .
3. s. http://de.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act .
4. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Transportation_Security_Administration .
5. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Lieberman .
6. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Magna_Carta .
7. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Eric_Holder .
8. s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP07711_050511.pdf ,
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP07811_060511.pdf
, http://www.luftpostkl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP08011_110511.pdf und
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP08711_240511.pdf .
9. s. http://www.fbi.gov/wanted/topten/usamabin-laden .
10.
Chomsky zweifelt die offizielle 9/11-Story der US-Regierung also immer
noch nicht an. Luftpost hat allerdings große Zweifel daran und diese
unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_12/LP16112_110912.pdf
ausführlich begründet.
11. s. http://en.wikipedia.org/wiki/Torture_Memos .
12. s. dazu auch http://www.luftpostkl.de/luftpost-archiv/LP_06/LP04706_280406.pdf .
13. s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_12/LP15112_240812.pdf .
14. s. http://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rgef%C3%A4ngnis_Bagram .
15.
Weitere Infos zu der Resolution sind aufzurufen unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Resolution_1973_des_UN-Sicherheitsrates .
16. s. dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Afrikanische_Union .
17. s. dazu auch
http://de.wikipedia.org/wiki/International_Crisis_Group .
18. Der Artikel ist nachzulesen über http://www.lrb.co.uk/v34/n19/hugh-roberts/western-recklessness .
19.
s.
http://www.humanrights.asia/resources/journals-magazines/torture-asian-and-global-perspectives/torture-asian-perspectives
.
20. s. http://www.humanrights.asia/ .
21. s. http://www.dignityinstitute.org/ .
➜ http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/007692.html#ixzz2GplFAezV
Quelle: www.hintergrund.de